Heute geht die Frankfurter Buchmesse zu Ende. Dieses Jahr war die Türkei das Gastland der Messe. Zu diesem Anlass möchte ich euch das türkische Buch vorstellen, das mich in letzter Zeit am meisten beeindruckt hat: “Glückseligkeit” von Zülfü Livaneli.
Livaneli ist in der Türkei heute ein angesehender Sänger, Filmemacher und Autor. Er ist einer, der sich vehement auch immer wieder politisch einsetzt. Dabei steht er deutlich links. Eine Zeit lang war er auch Mitglied des türkischen Parlaments und setzte sich immer wieder für eine Aussöhnung zwischen der Türkei und Griechenland ein. Aus Protest gegen die Parteienlandschaft trat er schließlich von seinen Ämtern zurück. Anfang der 1980er Jahre musste er einige Jahre wegen seiner politischen Ansichten ins Exil gehen.
Sein Roman “Glückseligkeit” und der dazugehörige Film war in der Türkei ein Riesenerfolg, gleichzeitig aber auch vielen aufgrund der Thematik ein Dorn im Auge. weiterlesen »
Gestern lief der Film “Der ewige Gärtner” auf Sat1 und ich wurde wieder an das gleichnamige wunderbare Buch von John Le Carré erinnert. Es ist ein schockierendes und aufrüttelndes Werk, eben so wie der Film, der einem das grausame Ausbeuten von ärmeren Ländern unserer westlichen Welt drastisch vor Augen führt.
Wir alle ruhen uns auf dieser Ausbeutung aus und können gleichzeitig nicht anders. Und genau diesen Zynismus konnte man auch gestern vor der Glotze wieder sehen. Am Ende, als man gerade kranke, hungernde, afrikanische Kinder sah, blendete der Sender eine Vorschau für den “Prinz von Zamunda” ein und zwischendrin konnte man natürlich wieder den Produktinformationen lauschen, die sich zum Teil auch noch um Medikamente und andere Dinge drehten, die mit größter Wahrscheinlichkeit auch auf Kosten Afrikas oder Südamerikas zu uns nach Hause kommen.
Okay, aber erst mal zur Story: Im Nairobi des Jahres 2000 tummeln sich elitäre britische Diplomaten, abgeschottet von Hunger und Elend um sie herum. Diese Welt wird scheinbar erschüttert als die Leiche der engagierten Tessa Quayle grausam zugerichtet in der Wildnis gefunden wird. Sie war die Frau des Diplomaten Justin Quayle und hat, ohne, dass ihr Mann davon wusste, auf eigene Faust gegen die üblen Machenschaften eines Pharmakonzerns ermittelt. weiterlesen »
Das neue Buch des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk hat viele Kerne und Lesarten und genau dies macht “Das Museum der Unschuld” zu einem besonderen Vergnügen.
In einem für Pamuk ungewohnt leichtem Stil kommt es daher und man kann die Geschichte sofort aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Und während des Lesens kommen immer neue Aspekte hinzu. Wer will, vernimmt eine herzzereißende Liebesgeschichte um das alte Spiel à la Romeo und Julia, eine Liebe, die nicht sein darf. Oder man nimmt die die leichte Ironie oder Kritik wahr, die im Zusammentreffen von Orient und Okzident, von Arm und Reich, mitschwingt. Vielleicht steht für einen persönlich auch der Umgang mit Erinnerungen im Vordergrund… weiterlesen »
Hier nun also das erste der Büchern, die es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2008 geschafft haben und von denen ich euch in den nächsten Wochen das eine oder andere vorstellen möchte: “Kollateralschaden” von Olga Flor.
Vielleicht habt ihr euch auch schon einmal beim täglichen Einkauf im Supermarkt gedacht, was die anderen Einkaufenden gerade so denken, was sie um- und antreibt und wie sie so durchs Leben rutschen. Gerade an so alltäglichen Orten, bei so alltäglichen Dingen, die man mal eben schnell im Vorbeigehen erledigt, treffen willkürlich Menschen zusammen, die auf den ersten Blick nicht gemein haben.
Und genau diese Situation seziert die Grazer Autorin Olga Flor in ihrem Buch “Kollateralschaden” ganz genau. Jedes Kapitel bedeutet eine Minute Handlung im Buch. In diesem Minutentakt blickt der Leser dann nach und nach in die Köpfe der Protagonisten. Da ist zum Beispiel die Angstellte im Bauamt, der zuhause seine bettlägerige Frau pflegen muss, Doris, die immer kalorienbewusst einkauft oder die Rechtsaußen-Politikerin Luise, die doch nur einen Mann haben will. weiterlesen »
Mit seinem zweiten Buch “Der Begleiter” ist dem Autor Norbert Kron ein bissiges, satirisches und ein wenig tragisches Werk über unsere heutige Gesellschaft gelungen, die für Geld fast alles tun würde, aber doch nicht glücklich wird.
Norbert Kron, der selbst wie sein Protagonist, Kulturjournalist ist, zeigt uns hier sehr deutlich die Käuflichkeit unserer modernen Gesellschaft auf und wie wir alles, sogar die Liebe, zu einem geschäft machen.
Alexander Felitsch ist ein hochqualifizierter Kunstjournalist, der für Geld fast alles schreiben würde. Doch als sich seine Berliner Redaktion auflöst, kann er sich als Freier Journalist nicht mehr so recht über Wasser halten. Was also tun? Felitsch arbeitet von nun bei einem Escortservice. weiterlesen »
Den meisten wird Werner Schneyder eher durch seine bissigen und herrlich kritischen Texte im Gedächtnis sein. Er machte politisches Kabarett zusammen mit Dieter Hildebrandt und auch allein. Doch in “Krebs” lernt man ihn auf eine völlig neue Weise kennen.
Stellt euch vor, eines Tages bekommt ihr die Nachricht, dass euer Partner, mit dem ihr schon eine halbe Ewigkeit verbracht habt, Krebs hat. Eine grausame Vorstellung, die wohl jeder am liebsten verdrängt, aber irgendwie immer in unserer Gesellschaft unterschwellig präsent ist. Doch was macht man, wenn man in dieser Situation ist? Wie verhält man sich? weiterlesen »
Der belgische Comic-Künstler Olivier Schrauwen hat mit seinem Debütband gleich einen Volltreffer gelandet. “Mein Junge” ist tragisch, aber verpackt genau dieses Element in skurrilen Humor, dass dieses an Gewicht verliert und eine absurde Ebene erreicht.
Manchen wird der Stil des Comics vielleicht etwas ungewohnt vorkommen, aber ich finde ihn grandios. Schrauwen hat sich am Zeichenstil der Zeitungscomics Anfang des 20. Jahrhunderts orientiert und so eine schon fast vergessene Form wieder aufleben lassen. Auch die Farben, die ebenfalls in diesem Stil gehalten sind, verdeutlichen die Lage der Protagonisten.
Unter tragischen Bedingungen kommt der Held der Geschichte zur Welt. Der Junge stirbt fast bei der Geburt und ist so kleinwüchsig. Sein Vater bemerkt den kleinen Spross erst als dieser bei der Beerdigung der Mutter in das offene Grab purzelt. Von nun an beschließt der Vater seinen Sohn zu erziehen und nimmt ihn mit auf diverse Ausflüge. Er zeigt ihm Brügge, er nimmt ihn mit zum Golfen und stellt ihn seinen Freunden vor. weiterlesen »
Wenn man das Wort Comic hört, denkt man wohl zwangsläufig an Superhelden in Trikots und Strumpfhosen
, die ständig nicht besseres zu tun haben als die Welt vor bösen Fieslingen zu retten. Aber es gibt auch eine andere Sorte von Comics. Diese sind eher Graphic Novels und zeichnen sich durch ihre teils hohe Sensibilität aus.
So auch in dem neuesten Comic des Japaners Jiro Taniguchi mit dem Titel “Die Sicht der Dinge”. Taniguchi zeichnet (und das ist in diesem Fall wortwörtlich zu nehmen) das Porträt einer Vater-Sohn-Beziehung.
Der Photograph und Grafiker Yoichi erhält eines Tages an seinem Arbeitsplatz die Nachricht vom Tod seines Vaters. Nur auf Drängen seiner Frau hin entschließt er sich zur Beerdigung in seinen Heimatort Tattori zurückzukehren. 15 Jahre lang hatte er keinen Kontakt zu seiner Familie, denn er macht immer noch seinen Vater für das Weggehen seiner Mutter in seiner Kindheit verantwortlich.
Erst beim Anblick seines toten Vaters im offenen Sarg beginnt Yoichi nach und nach verdrängte Erinnerungen an Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren zuzulassen und sich so mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Er beginnt während der Totenwache eine Art Zwiesprache mit dem Vater zu halten und verändert so seine bisherige Sicht auf ihn.
“Die Sicht der Dinge” ist eine hoch sensible, ja fast schon lyrische, Geschichte über Vergangenheit, Familie und Identitätssuche. Teilweise ist man zu Tränen gerührt, was durch die wunderbaren Zeichnungen von Jiro Taniguchi noch vertsärkt wird. Feinfühlig beweist er, dass man eine gute Geschichte auch bildlich, ohne viele Worte, intelligent vermitteln kann.
Nie hat man das Gefühl, dass die Emotionen ins Kitschige abdriften oder die Charaktere ihre Tiefe verlieren.
Comics müssen also nicht immer nur lustig sein oder actiongeladene Fantasiewelten enthalten. Taniguchi stellt hier eindrucksvoll unter Beweis, dass man mit diesem Medium genauso gut ernsthafte oder dramatische Inhalte vermitteln kann. Comics werden also zum Teil wirklich zu Unrecht als banal und platt abgestempelt. Sie können ebenso gut wie jedes andere Medium vielfältige Inhalte zeigen, von quietschbunt bis gemäßigt, sensibel und anspruchvoll.
Also ruhig sich mal wieder an Comics herantrauen…
Selten hat mich ein Buch so beeindruckt wie die erschütternde und mitreißende Autobiographie “Schmetterling und Taucherglocke” von Jean-Dominique Bauby.
Mit 44 Jahren erleidet der damalige Chefredakteur der “Elle” einen Gehirnschlag und sein bisheriges Leben löst sich von einem Moment zum anderen in Luft auf. Er wacht im Krankenhaus auf und leidet von da an am sogenannten Locked-In-Syndrom (LIS). Er ist zwar bei vollem Bewusstsein, doch sein Körper ist vollständig gelähmt, bis auf sein linkes Auge.
Doch Bauby gibt nicht auf. Er lernt ein Spezialalphabet über alleiniges Blinzeln mit seinem linken Auge zu steuern und diktiert so der Lektorin Claude Mendibil seine bewegende Geschichte.
Als ich das Buch das erste Mal in den Händen hielt, war ich mir nicht sicher, ob ich es überhaupt lesen soll. Deprimiert es mich zu sehr? Will ich mir wirklich 150 Seiten “Gejammer” eines Schwerkranken anhören, den ich gar nicht kenne?
Ja, ich gebe zu, diese Gedanken klingen sehr kalt und egoistisch, aber man weiß ja nie, was aus blanker Sensations- und Kommerzgier so publiziert wird.
Doch dieses Buch ist anders! Bauby erzählt seine Rückschau gar nicht wehleidig (, was man in dieser Situation ja auch verstehen könnte), sondern ehrlich, humorvoll, sehr sensibel und auch hoffnungsvoll.
Er versucht weder Mitleid zu erheischen, noch suhlt er sich in seinem Elend. Im Gegenteil, er versucht seine Wahrnehmung durch die Situation zu schärfen und reflektiert poetisch und voller Witz das Leben und seine Umwelt. Ob da nun eine Fliege quälend auf seiner Nase sitzt oder niemand gerade da ist um ihm seine Lieblingsbücher vorzulesen.
Als “Taucherglocke” beschreibt er seinen Zustand die Welt zu sehen, doch manchmal gelingen ihm Ausflüge in die Fantasie, “Schmetterlinge”, wie er es nennt. Dort kann er dann alles machen, was er nur will und es gibt keine Grenzen und kein halten.
Kurz nach der Veröffentlichung seines Buches und vier Monate nach seinem Gehirnschlage stirbt Jean-Dominique Bauby und hinterlässt uns eine der zauberhaftesten, anrührensten und zugleich tragischsten Geschichten unserer Zeit.
Einer meiner Lieblingregisseure und Künstler Julian Schnabel hat “Schmetterling und Taucherglocke” verfilmt. Der Film ist gerade in den Kinos angelaufen…
Mit Isabel Allendes “Das Geisterhaus” bekommt man eine emotionale Familiensaga, die einen, nachdem man sich durch den schweren Anfang gebissen hat, in ihren Bann zieht.
Die chilenische Schriftstellerin erzählt hier die Geschichte zweiergroßbürgerlicher Familien in Chile über vier Generationen hinweg. Im Zentrum stehen immer wieder außergewöhnliche Frauen.
Die Rahmenhandlung bilden die junge Alba und ihr Großvater Esteban Trueba, die anhand der Tagebücher ihrer Großmutter Clara die Familiengeschichte rekonstruieren.
Die hübsche Rosa, die mit Esteban Trueba verlobt ist, stirbt an Rattengift, das eigentlich als Attentat für ihren Vater, einem Politiker, gedacht war. Ihre hellseherisch begabte Schwester Clara hatte diesen Mord vorausgesehen. Um das Verbrechen aufzuklären wird Rosas Leichnam auf dem Küchentisch geöffnet. Vor Schreck sagt Clara daraufhin neun Jahre lang kein Wort mehr.
Clara spricht erst wieder als sie Esteban Trueba an Rosas Stelle heiratet. Sie bekommen eine gemeinsame Tochter Blanca. Esteban ist ein ausbeuterischer Patriarch und engagiert sich für die konservative Partei Chiles. Als Blanca älter ist, verliebt sich diese aber ausgerechnet in den Anführer der kommunistischen Partei und wird von diesem schwanger. Trueba kann diese Verbindung nicht akzeptiere, da er selbst als Kandidat der konservativen Partei mit an einem Miltärputsch arbeitet.
Doch als dann seine Enkelin Alba nach dem Putsch in ein Konzentrationslager gebracht und dort gefoltert wird, beginnt er langsam seine Fehler einzusehen.
“Das Geisterhaus” bringt uns in einer emotionalen und intelligent erzählten Handlung die chilenische Geschichte näher und liefert uns einen Einblick in das Leben der Menschen in Chile zu unterschiedlichen Zeiten. Hierbei steht immer wieder die weibliche Sicht auf die Politik im Mittelpunkt.
Allende hat hier größtenteils auch Züge ihrer eigenen Familiengeschichte eingebaut. Auch sie musste beispielsweise, wie Blanca, nach dem Militärputsch Genaral Pinochets 1973 ins Exil gehen.
Der Anfang zieht sich ein wenig in die Länge, aber wer sich hier hindurchbeißt wird nicht enttäuscht werden.