Gerade jetzt, so kurz vor den Olympischen Spielen in Peking, tut jedes Buch gut, das offen mit den Machtverhältnissen Chinas umgeht und über die in den gängigen Medien gezeigten Bilder hinausgeht. Und wenn diese Kritik dann noch nicht trocken rüberkommt, sondern in eine interessante und spannende Geschichte verpackt ist, tut das doppelt so gut.
Mit “Goldener Reis” hat der englische Autor Andy Oakes den Kommissar Sun Piao aus seinem Buch “Drachenauge” wieder bemüht. Und das Anknüpfen an den Vorgängerroman ist ihm vortrefflich gelungen. Das Blut fließt mal wieder in Strömen, die Handlung hat Spannungspunkte, die einen plötzlich Mitreißen, und die Sozialkritik nimmt angesichts der aktuellen und noch kommenden Ereignisse einen noch größeren Stellenwert ein.
Auf der Baustelle des neuen Nationalstadions in Shanghai, in dem in Kürze die Olympischen Spiel 2008 stattfinden sollen, vergewaltigen von ihrem Vorgesetzten gezwungen ein paar Offiziere vier junge Frauen und foltern drei von ihnen mit Rasierklingen zu Tode. Nur eine, Lan Li, kann mit schweren Verletzungen entkommen. Nachdem sich die Soldaten bei der Tat gefilmt haben betonieren sie die Leichen ein.
Inspektor Di übernimmt die Ermittlungen, denn es ist nicht das erste Verbrechen dieser Art. Doch bevor Di überhaupt mit seiner Arbeit beginnen kann, wird ihm der Fall auch schon entzogen und an die Volksbefreiungsarmee abgegeben. Doch anscheinend wusste Di bereits zuviel. Er und sein Partner werden ermordet und ihre Leichen bizarr zur Schau gestellt.
Sun Piao, der im Zuge einer Säuberungsaktion zu einer Art Umerziehung in die Psychatrie gesteckt wurde, kehrt nach dieser Zeit nach Shanghai zurück. Er und sein Partner Pan Yaobang ermitteln nun inoffiziell gegen die Mörder Suns ehemaligen Vorgestzten Di. Doch immer mehr wird klar, dass sich die Morde bis in die Führungspositionen der chinesischen Regierung ziehen. Immer mehr werden sie in eine Welt aus politischen Intrigen, Korruption und Prostitution hineingezogen. Und sie kratzen hierbei nur an der Spitze des Eisberges. Ihre Lage wird zunehmend gefährlicher…
“Goldener Reis” wartet, wie auch schon im Vorgänger, mit einem charismatischen Ermittlerduo auf. Der coole, aber stets sympatische Sun und sein kongenialer Partner Pan, der meist einfach lieber mit dem Kopf durch die Wand geht als den komplizierteren Weg zu gehen, wagn sich in einer gut durchdachten Geschichte in die Kreise der Mächtigen des Landes.
Zwischendrin erfährt man in kleinen Einschüben näheres über die Lage und die Lebenssituation in China. Er prangert offen die Scheindemokratie an, in der das Militär die fats uneingeschränkte Macht inne hat, und eröffnet dem Leser zudem neue und aufschlussreiche Einblicke in die wirtschaftlichen Vorgänge, vor allem der der Ernährungsindustrie.
Bei allen Informationen und gut recherchierten Details lässt Oakes aber nie die Spannung und das Vorantreiben der Geschichte außer Auge. Auch sein sprachlicher Stil überzeugt.
Für alle, die beim Krimilesen das Denken nicht abschalten wollen…
Europaweit wurde der Schwede Mikael Niemi auf einen Schlag durch seinen Debütroman “Populärmusik aus Vittula” bekannt. Nun hat er bei seinem dritten Buch die Form des Krimis gewählt, wohl auch um den ewigen Vergleichen mit seinem Erstlingswerk zu entkommen. (Hat ja super geklappt, wie man hier sieht…
)
“Der Mann, der starb wie ein Lachs” ist vor allem eine Ode an Niemis Heimat und eine überzeugende Darstellung der schwierigen Beziehung zwischen Schweden und Finnland.
Als die Gemeindeangestellte Rauha Jauhöjärvi vor der Tür Martin Uddes steht um nach dem alten Mann zu sehen, wird ihr ganz komisch zumute. Das ganze Haus ist von einem widerlichen Gestank umgeben. Sie tritt ein und ihre düstere Vorahnung bestätigt sich.
Drinnen ist es stickig und warm. Die Herdplatte ist voll aufgedreht und darauf liegt ein verkohltes Etwas, doch das schlimmste befindet sich im Schlafzimmer. Auf seinem Bett liegt Udde mit einem Lachsspeer aufegspießt.
Die junge Polizistin Therese Fossnes wird auf den Fall angesetzt und ist nicht gerade begeistert an einem abgelegenen Ort zu ermitteln, wo sie den Dialekt nicht versteht und ihr die Leute komisch vorkommen. Zu allem Überfluss verliebt sie sich ausgerechnet in den Hauptverdächtigen und erkennt, dass hinter dem Fall mehr steckt als erwartet.
Ich muss leider sagen, die Geschichte ist für einen Krimi nicht sehr spannend, aber wenn man das Buch von mehr als nur diesem einen Blickwinkel aus betrachtet, zieht es einen trotzdem in seinen Bann. Besonders die Sprachexperimente und der teilwiese skurrile und absurde Humor Niemis überzeugen.
Das Buch kommt extrem authentisch und emotionsgeladen daher, wobei man ständig zwischen Schroffheit und zärtlicher Sympathie hin und her gerissen ist.
Vor allem die Charaktere sind besonders gut herausgearbeitet und dies von den Protagonisten bis hin zu Nebendarstellern.
“Der Mann, der starb wie ein Lachs” ist tiefgründig, vielschichtig und sehr “nordisch”. Er beschreibt Menschen, die verzweifelt um den Erhalt ihrer Kultur kämpfen, und liefert zugleich tiefe Einblicke in die Seele des schwedischen Landstriches Tornedalens.
Den Namen Mikael Niemi sollte man sich unbedingt unter den skandibavischen Autoren merken!
2004 starb der Journalist und Schriftsteller Stieg Larsson im Alter von nur 50 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Vor seinem plötzlichen Tod konnte er noch die Thriller-Trilogie um die Fälle von Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander vollenden.
Nun ist der letzte Band unter dem Titel “Vergebung” (nach “Verblendung” und “Verdammnis”) auch auf Deutsch erschienen. Aber das Warten hat sich gelohnt. Zum Schluss hin zog Larsson noch einmal alle Register. Das Ergebnis ist eine temporeiche Geschichte, die einen von Anfang an in seinen Bann zieht.
Nachdem Lisbeth Salander mit einem Kopfschuss ins Krankenhaus eingeliefert wird und erst in letzter Sekunde gerettet werden kann, wird klar, das auch Zalatschenko, den Blomkvist und Salander schon in “Verdammnis” gejagt haben, ebenfalls überlebt hat und erneut hinter der Ermittlerin her ist. Doch auch der schwedische Geheimdienst beschließt, das Salander das Krankenhaus nicht lebend verlassen soll. Salander hat durch Zalatschenko Wissen über geheime Spionageangelegenheiten, das den ganzen Apparat zu Fall bringen lassen könnte. Sie soll also auch mundtot gemacht werden und wird zusätzlich des Mordes beschuldigt.
Unterdessen arbeitet der Journalist Blomkvist fieberhaft daran dieUnschuld Lisbeth Salanders zu beweisen. Ein spannender Wettlauf beginnt…
Vor allem die plötzlichen Wendungen machen das Buch zu einer spannenden Angelegenheit. Manchmal wirken die Zufälle allerdings ein wenig an den Haaren herbeigezogen, aber der gute Sprachstil und das rasante Tempo machen das wieder wett. Auch die Figurenzeichnung ist sehr überzeugend.
Man sollte allerdings vielleicht am besten die ersten beiden Teile gelesen haben, da die unterschiedlichen Charaktere gerade am Anfang etwas verwirrend sein können.
Schade, dass man von Stieg Larsson nichts weiteres mehr lesen wird. Er hätte uns bestimmt noch viele unterhaltsame Thriller- und Krimistunden beschehren können.
Das Romandebüt des Kolumnisten Linus Reichlin kommt als etwas kauziger und schräger Krimi daher. Dass es gerade diese Form annimmt mag einige überraschen. Kennt man Reichlin doch bisher eher als Autor von zum Beispiel Kolumnensammlungen mit Titeln wie “Kampf gegen den Orgasmus”.
Doch “Die Sehnsucht der Atome” schlägt einen eher skurrilen und philosophischen Tonfall an.
Der Schauplatz ist Brügge: Der belgische Inspektor Hannes Jensen steht kurz vor seiner Frühpensionierung und beginnt sich zu langweilen, daher befasst er sich mit Quantenphysik. Schon bald hält er sich einsam und frustriert für ein bindungsunfähiges Helium-Atom, das alleine durch eine Welt mit bindungsfreudigen Teilchen schwirrt.
Doch dann wird er in einen heiklen Fall verwickelt: Ein Ehepaar wird ermordet. Aber nicht zusammen, nein, er stirbt in einem Hotel in Brügge, sie zuhause in Kalifornien. Trotz der riesigen Entfernung sind die Todesursache und sogar der Todeszeitpunkt identisch.
Zudem verschwinden ihre Söhne spurlos, wahrscheinlich von religiösen Fanatikern nach Mexiko entführt. Jensen beginnt den Kindern hinterherzureisen. Er trifft auf die blinde O’Hara, die die Entführer ebenfalls aus persönlichen Gründen stellen will.
Daraus entwickelt sich ein schräger Plot, teils Liebesgeschichte, teils Abenteuer.
Leider reicht es plottechnisch nicht immert für eine spannende Krimigeschichte, obwohl die Geschichte wirklich mysteriös ist. Doch die wirklich merkwürdigen Einfälle des Autors, die teils überspitzte Charakterzeichnung und die philosophischen Gedankensprünge machen das Buch zu einem echten Lesevergnügen.
Wer schon immer einmal wissen wollte, was die Heisenbergsche Unschärferelation eigentlich mit der Liebe zu tun hat oder wie man als blinde Frau am besten (und skurrilsten) an Informationen kommt, ist hier genau richtig.
Millionen Thriller-Fans weltweit dürften darauf gewartet haben und endlich ist er da: der neueste Fall des knallharten Top-Ermittlers Jack Reacher. Sein Schöpfer Lee Child hat sich mit einer Fortsetzung lange Zeit gelassen, doch es hat sich gelohnt. Das Buch übertrifft seine Vorgänger sogar noch.
In “Sniper” führt es Jack Reacher, auch hier cooler als Eis, in den Mittleren Westen der USA. Hier hat ein Scharfschütze scheinbar wahllos in die Menge geschossen und fünf Menschen dabei getötet. Alle Indizien deuten auf James Barr hin, der schon einmal während seiner Army-Zeit als Sniper 4 Kammeraden erschossen hat.
Barr kam damals nur aus politischen Gründen frei und Jack Reacher hatte gegen ihn ermittelt. Diesmal will Reacher ihn ein für alle Mal hinter Gittern bringen. Doch im Gegensatz zu damals, behauptet Barr er habe den Mord nicht begangen und verlangt ausdrücklich nach Jack Reacher.
Dem kommen nun während seinen Ermittlungen Zweifel. Der Tatbestand ist zu eindeutig, verdächtig eindeutig. Reacher stößt auf Geheimnisse und Intrigen, die ihn sogar zu Verrätern innerhalb der Polizei führen…
Wie auch schon in den Vorgängerromanen spiel Jack Reacher hier den knallharten Cop, dem niemand so schnell etwas vormachen kann. Doch in “Sniper” kommen ihm wenigstens auch mal Zweifel an seiner Person, aber keine Angst, auch die werden souverän gelöst.
Die Figur orientiert sich sehr am amerikanischen Heldenmythos und erinnert so an Action-Klassiker mir Clint Eastwood oder Charles Bronson. Nichtsdestotrotz ist Jack Reacher nicht nur stupide Action, sondern spannend und intelligent durchdacht.
Das rasante Tempo, das der Roman stets an den Tag legt und ihn auch aus macht, lässt einen so schnell nicht mehr los.
Mit “Sniper” schildert der Autor Lee Child zusätzlich die amerikanische Angst vor Anschlägen und dem Tod aus dem Hinterhalt, so dass das Buch auch eine aktuelle Ebene bekommt.
Wer auf spannende Action und knallharte Ermittlungen, die stets intellignet verpackt sind, steht wird von “Sniper” sicherlich nicht enttäuscht sein.
Mit seinem neuen Buch “Shooting Star” zeigt uns der Autor Peter Temple Australien von seiner anderen Seite – nicht das Australien, das wir von Postkarten her kennen, sondern das Land der Armut, der gesellschaftliche Auseinandersetzungen und der Kriminalität.
In “Shooting Star” geht es um den australischen Familienclan der Carsons, diese besetzen wichtige Ämter, haben Einfluss, Macht und Geld im Überfluss.
Als eines Tages die 15-jährige Anne Carson entführt wird, soll der Ex-Polizist und nun Privatermittler Frank Calder die Geldübergabe stillschweigend und ohne große erzeugte Öffentlichkeit vollziehen.
Doch als ehemaliger Polizist kann Calder nicht anders als ein wenig über den Fall zu recherchieren und findet heraus, dass schon einmal ein Mitglied der Carson-Familie entführt wurde. Nach und nach entdeckt er mehr schmutzige Details aus der Vergangenheit des Clans und bricht bei der Suche nach Wahrheit und Opfer ein Familientabu nach dem anderen. Interessieren sich die Entführer überhaupt für das Geld oder ist Rache ihr eigentliches Motiv?
In einer lakonischen Sprache blickt Peter Temple hinter die Fassade von Ruhm und Reichtum. Sein schwarzer Humor und die spannende Geschichte machen das Buch zu einem fesselnden Erlebnis. Die Charaktere sind äußerst präzise gezeichnet und gut beobachtet.
Ein durch und durch gelungener Roman und absolut empfehlenswert!
“Die Chemie des Todes” von Simon Beckett ist ein gut geschriebener und spannender Thriller mit einigen gut gestreuten und wohl dosierten wissenschaftlichen Informationen.
In einer stürmischen und verregneten Nacht kommt Dr. David Hunter auf der Flucht vor der Großstadt London in einem kleinen englischen Provinznest an. Er soll dort als Unterstützung für den ansässigen Arzt arbeiten, der durch einen Autounfall im Rollstuhl sitzt. Schnell werden aus den Kollegen Freunde, die beide den Tod ihrer Frauen gemeinsam haben. Im Dorf, in dem sich natürlich nie etwas verändern darf, wird Dr. Hunter auf ewig der merkwürdige Neuankömmling sein um den sich allerlei Gerüchte ranken.
Als im nahegelegenen Moor eine Frauenleiche, die mit Schwanenflügeln geschmückt wurde, gefunden wird, wird David schnell zum Verdächtigen. Es handelt sich bei der Frau um eine Schriftstellerin, die allein gelebt hat und schon deshalb ebenfalls eine Außenseiterin für das Dorf war.
Um alle Verdächtigungen los zu werden, enthüllt er der Polizei gegenüber seinen früheren Beruf. Er war ein Korriphäe auf dem Gebiet der forensischen Anthropologie und hat bei der Aufklärung einiger bedeutender Mordfälle geholfen. Die Polizei zieht ihn nun zu den Ermittlungen hinzu. David hilft nur sehr widerwillig, da er seine Vergangenheit am liebsten vergessen will. Als dann auch noch eine zweite Frau verschwindet, kann er sich dem Fall dann doch nicht entziehen.
Und wieder ist die Leiche mit einem toten Tier dekoriert. Das ganze Dorf ist natürlich erschüttert als es langsam merkt, das in ihrer Mitte, wo jeder jeden zu kennen glaubt, ein brutaler Mörder lebt. Der bigotte Geistliche schürt die Schreckensstimmung nur noch mehr und inszeniert ein Medienspektakel.
Als Davids neue Freundin das nächste Opfer werden soll, nehmen die Dinge ihren Lauf. Kann Dr. Hunter seine Freundin noch retten? Wird der Mörder gefunden werden?
“Die Chemie des Todes” ist spannend geschrieben und wirkt durch die wissenschaftlichen und interessanten Ermittlungsdetails sehr realistisch. Man hat das Gefühl einen kleinen Einblick in die Arbeit der Polizei zu bekommen. Die Auflösung am Ende ist durchaus überraschend und gelungen. Bis dahin zieht es sich aber meiner Meinung nach stellenweise ein wenig.
Alles in allem ein unterhaltsames Buch und für Thrillerfans ein Muss.