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Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal
War der Himmel schon so groß und still und fahl
Jung und nackt und ungeheuer wundersam
Wie ihn Baal dann liebte, als Baal kam

Und der Himmel blieb in Lust und Kummer da
Auch wenn Baal schlief, selig war und ihn nicht sah:
Nachts er violett und trunken Baal
Baal früh fromm, er aprikosenfahl

Und durch Schnapsbudike, Dom, Spital
Trottet Baal mit Gleichmut und gewöhnt sich´s ab.
Mag Baal müd sein, Kinder, nie sinkt Baal:
Baal nimmt seinen Himmel mit hinab.

In der Sünder schamvollem Gewimmel
Lag Baal nackt und wälzte sich voll Ruh´:
Nur der Himmel, aber immer Himmel
Deckte mächtig seine Blöße zu.

Und das große Weib Welt, das sich lachend gibt
Dem, der sich zermalmen läßt von ihren Knien
Gab ihm einige Ekstase, die er liebt
Aber Baal starb nicht, er sah nur hin.

Und wenn Baal nur Leichen um sich sah
War die Wollust immer doppelt groß
Man hat Platz, sagt Baal, es sind nicht viele da
Man hat Platz, sagt Baal, in dieses Weibes Schoß.

Gibt ein Weib, sagt Baal, euch alles her
Laßt es fahren, denn sie hat nicht mehr!
Fürchtet Männer nicht beim Weib, die sind egal:
Aber Kinder fürchtet sogar Baal.

Alle Laster sind zu etwas gut
Und der Mann auch, sagt Baal, der sie tut.
Laster sind was, weiß man, was man will.
Sucht euch zwei aus; Eines ist zuviel!

Seid nur nicht so faul und verweicht
Denn Genießen ist bei Gott nicht leicht.
Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch:
Und mitunter stört ein dicker Bauch.

Zu den feisten Geiern blinzelt Baal hinauf
Die im Sternenhimmel warten auf den Leichnahm Baal
Manchmal stellt sich Baal tot. Stürzt ein Geier drauf
Speist Baal einen Geier, stumm, zum Abendmahl.

Unter düstren Sternen in dem Jammertal
Grast Baal weite weite Felder schmatzend ab.
Sind sie leer, dann trottet singend Baal
In den ewigen Wald zum Schlaf hinab.

Und wenn Baal der dunkle Schoß hinunterzieht:
Was ist Welt für Baal noch? Baal ist satt.
Soviel Himmel hat Baal unterm Lid
Daß er tot noch grad g´nug Himmel hat.

Als im dunklen Erdgeschoße faulte Baal
War der Himmel noch so groß und still und fahl
Jung und nackt und ungeheuer wunderbar
Wie ihn Baal einst liebte, als Baal war.

Gedicht: Der Choral vom großen Baal
Bertold Brecht

Baal ist ein Theaterstück von Bertolt Brecht das in verschiedenen Fassungen zwischen 1918 bis 1923 (Uraufführung) entstand. Die Titelfigur ist ein junger talentierter Dichter der eine arrogante und egozentrische Lebensführung an den Tag legt und auf Abwege gerät.
Das Drama endet mit dem Satz eines Holzfällers, der von den letzten Worten Baals berichtet: „Ich horche noch auf den Regen“.

Es existieren im Baal bereits viele Elemente des epischen Theaters wie z.B. die Verfremdung durch eingestreute Lieder und Gedichte. Bereits das Eingangsgedicht „Der Choral vom großen Baal“ ist ein Teil dieses Effekts.

Für eine Fernsehproduktion der BBC spielte David Bowie 1982 fünf Lieder aus Baal ein.

1970 wurde Baal von Volker Schlöndorff mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle verfilmt.

2004 erfolgt eine erneute Verfilmung von Uwe Janson mit Matthias Schweighöfer als Baal.